Räume echter Begegnung

Zu sehen ist Anni (links) im Kreise der anderen Teilnehmenden

Anni, Studentin im Master Sonderpädagogik, hat zwei Jahre im AW-ZIB-Forschungsplenum mitgewirkt. Hier erzählt sie von ihren wertvollen Erfahrungen und was sie aus dieser Zeit mitnimmt.

Manchmal beginnen wichtige Wege ganz unscheinbar. Für mich war es die „Woche der Vielfalt“ der Pädagogischen Hochschule im November 2023. Als studentische Hilfskraft durfte ich diese Woche mitgestalten, in der viele Veranstaltungen und Aktionen zu Diversität und Vielfalt an der Hochschule stattgefunden und sowohl Studierende, Lehrende als auch Verwaltungsmitglieder einbezogen haben. Ich war hierbei auch ein Teil des „Tags der Vielfalt“ – und gleichzeitig ganz bewusst mittendrin in einem Raum, in dem Perspektivenvielfalt nicht nur Thema, sondern gelebte Praxis war. Besonders die Veranstaltung mit den Bildungsfachkräften vom Annelie-Wellensiek-Zentrum für inklusive Bildung (AW-ZIB) hat mich nachhaltig bewegt.

Weiterdenken, weiterlernen, mitarbeiten

Als Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen vermitteln die Bildungsfachkräfte Studierenden authentisch, wie sich ihr Leben gestaltet und was es bedeutet, mit diesen Beeinträchtigungen umzugehen. Dafür haben die Bildungsfachkräfte eine dreijährige Ausbildung am AW-ZIB absolviert. Ihre Erfahrungen, ihre Offenheit und die ehrlichen Einblicke in Barrieren und Lernerfahrungen haben mich nicht mehr losgelassen. Ich wusste: Hier möchte ich weiterdenken, weiterlernen, mitarbeiten.

Ein kleiner Wink zur richtigen Zeit

Am AW-ZIB wird partizipativ geforscht. Die Mitglieder des Forschungsplenums treffen sich einmal pro Woche: Bildungsfachkräfte, akademisch Forschende und Studierende planen gemeinsam Forschungsprojekte und führen diese durch. So können alle gleichberechtigt ihre Perspektive, ihre Erfahrungen und ihre jeweilige Expertise einbringen.

Als dann die E-Mail mit dem Aufruf kam, dass das Forschungsplenum neue Co-Forschende sucht, fühlte es sich tatsächlich an wie ein kleiner Wink zur richtigen Zeit. Ich habe nicht lange gezögert – und war plötzlich Teil eines Teams, das nicht nur forscht, sondern sich selbst immer wieder mit in den Blick nimmt. Ich durfte mitforschen, mitdenken, mitdiskutieren – und vor allem: mitlachen.

Es ging immer auch um uns selbst

Unsere Themen waren nie nur theoretisch. Als wir uns mit der Zusammenarbeit in inklusiven Teams beschäftigten, ging es immer auch um uns selbst. Um Hürden, die wir kennen. Um Spannungen, die entstehen. Um Lösungen, die ausprobiert werden wollen. Besonders an der Hochschule wurden viele Fragen greifbar. Später haben wir uns mit dem Thema Macht in Forschungsgruppen auseinandergesetzt: Wie entsteht sie? Wie wirkt sie? Und wie können wir Strukturen verändern, damit Teilhabe wirklich möglich wird?

Modell für partizipative Forschung erarbeitet

Gemeinsam haben wir ein Modell für partizipative Forschung erarbeitet – und dabei immer wieder gemerkt, wie anspruchsvoll und gleichzeitig wie wertvoll dieser Weg ist. Was mich besonders beeindruckt hat: Das Forschungsplenum hat sich nicht nur mit Forschung beschäftigt – sondern auch mit der eigenen Arbeit. Wir haben neue Reflexionsformate entwickelt, Kärtchen für unsere Treffen gestaltet, Methoden ausprobiert und wieder verworfen. Wir haben analysiert, diskutiert, gezweifelt und weitergedacht. Forschung war bei uns nie losgelöst von Praxis – unsere Ergebnisse flossen direkt in unsere Zusammenarbeit zurück. So auch im Projekt zur partizipativen Lehre, aus dem wichtige Impulse zur Außenwirkung entstanden sind. Dass ich die Weiterarbeit an diesem Thema – insbesondere die Überprüfung unseres Mottos „inklusiv – kompetent – bedeutsam“ – nicht mehr begleiten kann, da ich nun ins Referendariat starte, bedaure ich sehr. Gerade dort hätte ich gerne weiter mitgewirkt.

Team TAT

Besonders am Herzen liegen mir die wöchentlichen Vertiefungstreffen, die ich eine Zeit lang als studentische Hilfskraft leiten durfte. In der Vertiefung treffen sich all diejenigen, die die Themen der Woche noch einmal wiederholen und vertiefen möchten. Nicht selten haben wir auch die Treffen des Forschungsplenums vorbereitet oder an den aktuellen Themen weitergearbeitet. Diese Treffen waren für mich mehr als Organisation oder Moderation – sie waren Räume echter Begegnung. Schnell hatten wir auch einen Namen für uns gefunden: „Team TAT“ – ein Akronym aus unseren Vornamen.

Der enge Austausch mit den Bildungsfachkräften hat meinen Blick auf Forschung nachhaltig verändert. Ihre Perspektiven haben Diskussionen geerdet, erweitert und oft auch herausgefordert. Das Team TAT brachte mit viel Engagement entscheidende Impulse ein, bereitete Inhalte vor und nach, sorgte dafür, dass wichtige Gedanken nicht verloren gingen. Im kleineren Kreis entstand eine Vertrautheit, die ehrliche Gespräche möglich machte. Ich habe hier viel über Gesprächsführung, über Zuhören und über wertschätzende Kommunikation gelernt – und auch über mich selbst.

Dankbar für so viel Tiefe im Studium

Rückblickend war meine Zeit im Forschungsplenum eine große persönliche und fachliche Bereicherung. Mein Studium an der PH Heidelberg hat dadurch eine Tiefe bekommen, die ich so nicht erwartet hätte. Forschung wurde für mich lebendig, zugänglich und sinnhaft. Ich durfte mich einbringen, Verantwortung übernehmen und mich als vollwertiger Teil eines vielfältigen Teams erleben. Besonders berührt hat mich, wie aufmerksam im Plenum miteinander umgegangen wurde – wie selbstverständlich Bedürfnisse mitgedacht und Räume geschaffen wurden.

Nun geht diese Zeit für mich zu Ende. Ich bin dankbar für all die Begegnungen, die Gespräche, die gemeinsamen Denkprozesse. Und ich freue mich darauf, dass neue Menschen ihren Platz im Forschungsplenum finden, eigene Fragen mitbringen und partizipative Forschung weiterwachsen lassen. Ein Stück davon werde ich immer mitnehmen.

Zu sehen ist Anni mit einer Bildungsfachkraft

Neue Mitglieder gesucht

Das AW-ZIB Forschungsplenum sucht wieder neue Mitglieder! Im Sommersemester 2026 trifft sich die Gruppe ab dem 13. April montags von 8.30 bis 10.00 Uhr im Senatssaal (Raum 211, Altbau). Interessierte sollten wöchentlich mindestens über ein Semester am Forschungsplenum teilnehmen. Bei Fragen oder Interesse können die Mitglieder des Forschungsplenums unter l-aw-zib-forschungsgruppe@list.ph-heidelberg.de erreicht werden. Weitere Infos zur partizipativen Forschung am AW-ZIB finden Sie unter: https://www.ph-heidelberg.de/aw-zib/forschung.

Autorin: Anni Burggraf hat den Masterstudiengang Sonderpädagogik absolviert und ist nun auf dem Weg ins Referendariat. Sie war außerdem wissenschaftliche Hilfskraft in der Werkstatt Inklusion.

Fotos: Hohenester/PHHD

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