Susann Bensch und Louisa Kabbe haben von Oktober 2022 bis Ende September 2025 am Annelie-Wellensiek-Zentrum für Inklusive Bildung (AW-ZIB) die Qualifizierung zur Bildungsfachkraft absolviert. Sie haben in den drei Jahren viel gelernt – zum Beispiel ihre Teilhabe- und Ausgrenzungserfahrungen aus unterschiedlichen Lebensbereichen zu reflektieren, einzuordnen und darüber zu berichten. Gemeinsam mit Qualifizierungsleitung Noemi Heister blicken sie zurück auf die Qualifizierung und ihren Übergang zu qualifizierten Bildungsfachkräften.


Von der Qualifizierungsteilnehmerin zur Bildungsfachkraft
Louisa Kabbe: Als Bildungsfachkraft übernehmen wir mehr Verantwortung für unsere Arbeit. Ich kann dann selbstständig Bildungsangebote halten, darauf freue ich mich sehr. Ich organisiere Termine und muss nicht immer nachfragen, wann die Bildungsfachkräfte proben und ob ich dazu kann. Ich bekomme ein größeres Büro. Ich bin sehr stolz auf mich, dass ich die Qualifizierung geschafft habe. Meine Familie ist auch stolz auf mich. Ich habe das Gefühl, dass ich mit meiner Arbeit etwas verändern kann.
Ich freue mich, dass ich mit den Bildungsfachkräfte-Kolleg:innen weiterarbeiten kann. Ich freue mich, dass ich mich mit den anderen Kolleg:innen austauschen kann. Wir werden gut von den Bildungsfachkräften und den Assistenzen unterstützt. Sie hören unsere Sorgen an und sprechen uns Mut zu. Mir geben das Team und die Räumlichkeiten Sicherheit. Ich höre vertraute Stimmen und kann mich gut orientieren.
Susann Bensch: Ich mache mir Sorgen, dass die Arbeit so schwer ist. Ich habe Angst, dass ich die nicht gut machen kann. Ich werde aber von den Assistenzen unterstützt. Mir gibt das ganze Team und der Wochenplan Sicherheit. Auch meine Familie unterstützt mich. Sie hören meine Sorgen an und sagt, dass ich positiv denken soll.




Ein Rückblick auf die Qualifizierung
Louisa Kabbe: Wir haben uns mit Fake News beschäftigt. Und mit sozialen Medien. Wir hatten aber auch noch andere Lerneinheiten, z.B. zum Thema Transition oder Partizipation. Am Anfang konnte ich die Fachwörter gar nicht aussprechen. Wir haben auch gelernt, gut zusammen im Team zu arbeiten. Wir sind richtig zusammengewachsen und unterstützen uns gegenseitig.
Für mich war das schönste Semester das Praxissemester. Das hatten wir im 4. Semester. Da haben wir am meisten gelernt, z.B. wie man ein Seminar plant und hält. Mir hat es total gut gefallen, zu den Studierenden Kontakt aufzunehmen. Wir haben immer wieder neue Sachen dazu gelernt. Bildung geht ein Leben lang. Unser Mut ist immer mehr gewachsen. Wir trauen uns, mit Studierenden in den Austausch zu gehen und über unsere Erfahrungen zu sprechen. Wir wurden da konkret auf den Job der Bildungsfachkraft vorbereitet.
Susann Bensch: Mir ist vor allem die Lerneinheit Biographiearbeit im Kopf geblieben. Da ging es um unseren Lebenslauf. Wir haben viele Fotos mitgebracht und uns gemeinsam angeschaut. Wir haben über unser Leben und über unsere Erfahrungen gesprochen. Ich erinnere mich auch noch an die Lerneinheit Bildung. Das war im 1. Qualifizierungssemester. Ich erinnere mich noch an Klafki und Humboldt.
Am meisten Spaß gemacht hat mir das Halten von Bildungsangeboten mit den Bildungsfachkräfte-Kolleg:innen im Trio. Ich erinnere mich noch genau an ein Bildungsangebot, was wir in Ludwigsburg mit Thilo und Thorsten gemacht haben. Das Thema war Lernerfahrungen. Ich habe mich da getraut, den Studierenden in die Augen zu schauen. Ich habe gelernt, dass ich mich auf meine Team- Kolleg:innen verlassen kann. Ich traue mich, mehr über mich und meine Erfahrungen zu sprechen.
Noemi Heister: Wenn ich die letzten 3 Jahre Revue passieren lasse, bin ich beeindruckt, welche Entwicklung die beiden hingelegt haben. Sie sind in die Rolle der Lehrperson schrittweise reingewachsen und stehen nun wie selbstverständlich vor einer großen Gruppe von Studierenden und leiten das Seminar. Sie berichten selbstbewusst von ihren Erfahrungen und regen Reflexionsprozesse im Austausch mit Studierenden an. Wenn ich bedenke, dass am Anfang die Nervosität so groß war, dass die beiden nur schwer über ihre Erfahrungen sprechen konnten, machen sie dies nun ganz souverän. Auch die Einordnung und Verknüpfung mit Theoriewissen gelingt ihnen zunehmend. Auf dieser Grundlage durchdenken sie ihre Erfahrungen nochmal neu. Diese Entwicklung zu sehen ist großartig.


Ein Blick nach vorne
Louisa Kabbe: Ich nehme für die Zukunft mit, dass ich Verantwortung für meine Arbeit habe. Ich bin froh, dass ich die Entscheidung getroffen habe, die Qualifizierung zu machen. Auch wenn ich am Anfang nicht wusste, wie es wird. Ich nehme für meine Zukunft mit, öfter mal mutig zu sein. Ich nehme auch mit, dass Kommunikation wichtig ist und es nicht schlimm ist, um Hilfe zu fragen.
Susann Bensch: Ich nehme mit, dass ich mich öfter trauen kann, mit anderen zu sprechen und mich auszutauschen. Am Anfang ist es mir total schwergefallen, über meine Erfahrungen als Mensch mit Behinderung zu sprechen. Das fällt mir jetzt leichter.
Seit Oktober sind Susann Bensch und Louisa Kabbe Teil des Bildungsfachkräfte-Teams. Am 6. Oktober feierte das AW-ZIB gemeinsam mit Angehörigen der beiden den Abschluss der Qualifizierung. Rektorin Karin Vach überreichte Zertifikate und Büroschlüssel, die Teammitglieder des AW-ZIB teilten mit Susann Bensch und Louisa Kabbe Erinnerungen an die vergangenen Jahre.


Text: Susann Bensch und Louisa Krabbe sind Bildungsfachkräfte am AW-ZIB. Noemi Heister ist die Qualifizierungsleitung.


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