Holocaust-Gedenken lokalhistorisch

Zu sehen sind Mitglieder der PH Heidelberg im Gespräch beim Holocaust-Gedenktag an der Hochschule.

Schüler:innen, Lehrkräfte, Studierende und Dozierende erinnern anlässlich des 27. Januars an regionale Verfolgungsbiografien im Altbau der PH Heidelberg.

Ein Gedenktag erfüllt seine wichtigste Funktion – die rituelle Reaktualisierung von Vergangenem – erst dann, wenn er begangen wird. In diesem Sinne kamen, anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz-Birkenau, gegenwärtige und ehemalige Angehörige der Hochschule mit ihren Schüler:innen in der Alten PH zusammen, um gemeinsam der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung zu gedenken und ihnen ein würdiges Andenken zu bewahren.

Jüdinnen und Juden, Sinti:zze und Roma:nja, People of Colour, Menschen mit Behinderung, politisch Verfolgte und mehr – sie alle waren einst Teil einer Gesellschaft gewesen. Sie alle wurden in Deutschland, später auch im besetzten Frankreich, Polen, Tschechien und anderswo, als nicht mehr zugehörig stigmatisiert. Dies war der erste Schritt in einer langen Geschichte der Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung; eine entscheidende Koordinatenverschiebung im gesellschaftlichen System, die mit Harald Welzer dazu führte, dass nichts mehr undenkbar und dass alles möglich wurde – bis hin zu jenem beispiellosen Menschheitsverbrechen in Auschwitz-Birkenau.

Rektorin Karin Vach begrüßt die Gäst:innen bei der Veranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages in der Hochschule. Foto: PHHD
Rektorin Karin Vach begrüßt die Gäst:innen bei der Veranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages in der Hochschule. Foto: Hohenester/PHHD

Verbrechen vor unserer Haustür

Aber die Shoah ist nicht bloß Auschwitz. Die nationalsozialistischen Verbrechen wurden nicht etwa weit weg von der sogenannten „Volksgemeinschaft“ begangen, sondern sie betrafen deutsche Bürger:innen in jeder Nachbarschaft. Sie geschahen vor aller Augen und erfuhren beschämend wenig Widerstand – auch hier in Heidelberg und vor jeder unserer Haustüren, an Orten, die wir möglicherweise jeden Tag passieren.

Genau vor diesen Haustüren liegt ein entscheidendes didaktisches Potenzial. Der schwedische Literaturwissenschaftler Sven Lindqvist hat mit seinem Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte, „Grabe, wo du stehst“, im Jahr 1978 den zentralen Impuls für die Bewegung der Geschichtswerkstätten gegeben. Auch im deutschen Südwesten gründeten sich seit den 1970er Jahren Dutzende Arbeitsgemeinschaften und Gedenkstätteninitiativen.

Was bewegte die Protagonist:innen dazu, so viel Zeit und Energie in die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu investieren? Die Engagierten jener ersten Geschichtswerkstätten waren entrüstet über das kollektive Schweigen über die nationalsozialistische Vergangenheit. Sie nahmen ein erinnerungspolitisches und erinnerungskulturelles Defizit wahr und verschrieben sich der Aufgabe, etwas dagegen zu unternehmen.

Wie erinnert man an Ausgrenzung und Vernichtung?

Statt schlicht den moralischen Zeigefinger zu erheben, taten sie etwas viel Schwierigeres und Bemerkenswerteres. Sie stellten die nüchterne, wissenschaftliche Erforschung der Lokalgeschichte und deren Vermittlung in den Mittelpunkt ihrer Anstrengungen. Ihnen ging es nicht bloß um eine moralische Erhebung gegenüber einem abstrakten, historischen Nationalsozialismus. Es ging ihnen um das Unrecht, was vor den eigenen Haustüren geschah. Die zahllosen, von den Geschichtswerkstätten wiederentdeckten lokalhistorischen Schicksale führen uns in beunruhigender Weise vor Augen, dass Ausgrenzung, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Verfolgung, und auch Vernichtung, weniger weit von unserem eigenen Leben entfernt ist, als wir uns vielleicht eingestehen wollen. Auch daran erinnert uns der heutige Gedenktag.

Ein Beispiel für eine solche mahnende Erinnerung ist die Ausstellung „Vinzenz Rose – einer von uns?!“, welche die Pädagogische Hochschule heute verabschiedete. Schüler:innen der Realschule Obrigheim mit ihrem Lehrer und PH-Alumnus Bernhard Edin haben die Ausstellung in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Neckarelz konzipiert. Mit einem ähnlichen Ziel rekonstruieren Schüler:innen der Realschule Eberbach, unter der Anleitung von Christina Frischholz und Martin Kohler und gemeinsam mit französischen Schüler:innen aus der Eberbacher Partnerstadt Thonon-les-Bains, derzeit die Biografien der Widerstandskämpfer Marius Baud und Guy Busca. Beide Ausstellungsprojekte sind beispielhaft für eine gelebte Erinnerungskultur.

Schüler:innen bei der Wanderausstellung zu Vinzenz Rose im Altbau der Hochschule. Foto: PHHD.
Schüler:innen bei der Wanderausstellung zu Vinzenz Rose im Altbau der Hochschule. Foto: Hohenester/PHHD.

Sie führen uns eindrücklich vor Augen, dass individuelle Lebenswege und Verfolgungsbiografien didaktisch mehr bewirken als jede Opferstatistik. Die Lebensgeschichten der Betroffenen können uns, wenn wir uns auf sie einlassen, auch lange über das Verstummen der Zeitzeugen hinaus begleiten. Auch bei kultureller Heterogenität und generationellem Abstand finden Jugendliche in diesen Geschichten vertraute Anknüpfungspunkte, denn es handelt sich um Menschen wie dich und mich.

Erinnern auf Augenhöhe

Das lokalhistorische Lernen an Biografien stand im Mittelpunkt der Informations- und Gedenkveranstaltung. Schüler:innen, Lehrkräfte, Studierende und Dozierende erinnerten an den Sinto Vinzenz Rose, die französischen Widerstandskämpfer Marius Baud und Guy Busca sowie die Familie Bloch, die von ihren Mitbürger:innen und vor den Augen ihrer Nachbarschaft nach Neckarelz, Neckargerach oder Gurs deportiert wurden. Neben den Lebensgeschichten wurden didaktische Zugriffe und Möglichkeiten des außerschulischen Lernens diskutiert.

Teilnehmende diskutieren am Ende im Plenum. Foto: PHHD.
Teilnehmende diskutieren am Ende im Plenum. Foto: Hohenester/PHHD.

Als besonders ertragreich erwies sich der Austausch auf Augenhöhe: Die Workshops waren von Schüler:innen und Studierenden konzipiert worden, die als Expert:innen einzelner Verfolgungsbiografien auftraten. In den Gesprächen ergaben sich für die Studierenden viele Anregungen für die Gestaltung von Geschichts-AGs und erinnerungskulturellen Projekten in der Schulpraxis. Denn wie der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel einmal treffend formulierte: „Jeder, der einmal einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“ In diesem Sinne liegt es auch an den angehenden Lehrkräften, bald schon an ihren zukünftigen Wirkungsstätten mit Schüler:innen Erinnerungskultur zu gestalten.

Für die engagierte Mitwirkung, die rege Diskussion und den gewinnbringenden Austausch sei allen Beteiligten und Teilnehmenden herzlich gedankt.

Florian Helfer mit einleitenden Worten in die Veranstaltung. Foto: PHHD.
Florian Helfer mit einleitenden Worten in die Veranstaltung. Foto: Hohenester/PHHD.

Autor: Florian Helfer ist Akademischer Rat in der Abteilung Geschichte und ihre Didaktik an der PH Heidelberg.

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