Am Anfang stand eine Idee. Unsere Schule sollte einen neuen Namen erhalten. Nein, genauer: Überhaupt einen Namen! Für uns hatte sie nämlich keinen. Nur Schulart und Schulort werden genannt: Realschule Obrigheim.
Schulgebäude und Gedenkstätte
Dort unterrichte ich seit über 20 Jahren. Und genauso lange arbeite ich ehrenamtlich im Vorstand der KZ-Gedenkstätte Neckarelz. Ich verantworte dort die pädagogische Arbeit, entwickle unsere Angebote für Schulklassen und Jugendgruppen. Seit 2016 gibt es eine Bildungspartnerschaft zwischen meiner Schule und der Gedenkstätte. Was lag da näher, als die „namenlose“ Schule nach einem Neckarelzer Häftling zu benennen. Schließlich ist Obrigheim der Ort, an dem diese Häftlinge im letzten Kriegsjahr als Arbeitssklaven in einem Rüstungsverlagerungsprojekt in einem nahegelegen Bergwerk missbraucht wurden. Sie waren Menschenmaterial, das für den „totalen Krieg“ der Nazis mobilisiert wurde, um in Obrigheim für Daimler Benz Flugzeugmotoren bauen zu können.
Meine Wahl fiel auf Vinzenz Rose. Ein Sinto, der nach dem Krieg zu einem der wegweisenden Pioniere der Bürgerrechtsbewegung dieser Minderheit werden sollte. Ein Punkt war ausschlaggebend: Bis heute ist keine Schule in Deutschland bewusst nach einem Angehörigen dieser Minderheit benannt. Er sollte der erste sein. Das war im Dezember 2020. Der damalige Obrigheimer Bürgermeister reagierte verhalten, die Bedingungen der Corona-Pandemie taten ein Übriges. Nur mit meiner zehnten Klasse konnte ich projektartig an dem Thema arbeiten.
Erinnern gegen Vorbehalte
Als wir im Mai 2022 mit ersten Ergebnissen in einer Schulveranstaltung an die Öffentlichkeit traten, wurde klar: Es gibt massive Vorbehalte. Im Gemeinderat, im Ort und auch an der Schule. Bereits zuvor hatten wir beschlossen, eine Ausstellung über Vinzenz Rose zu machen. Alle in der Schule und im Ort sollten die Möglichkeit haben, sich über den potenziellen Namensgeber zu informieren. Und es sollte eine Ausstellung von jungen Menschen werden. Das Projekt, sollte es eine Chance haben, musste aus der Schule herauswachsen. Das war die Geburtsstunde der Geschichte-AG.

Es war mir gelungen, eine namhafte Stiftung für unser Vorhaben zu gewinnen: die Lautenschläger-Stiftung. Sie finanzierte nicht nur das Projekt. Sie ermöglichte mir Studienaufenthalte mit den Schüler:innen in den Gedenkstätten Auschwitz und Natzweiler. Manfred Lautenschläger übernahm persönlich die Schirmherrschaft für unser Projekt.
Ein politisches Schulprojekt entsteht
Ein Jahr lang arbeiteten die jungen Menschen an der Ausstellung, sichteten Quellen, schrieben Texte und wählten passende Bilder aus. Und zudem: Aus dem historischen war längst ein politisches Projekt geworden. In der Lokalzeitung tobten mehrfach Leserbriefschlachten, im Netz gab es Petitionen gegen und für die Schulnamen-Initiative, ein Tiktok-Beitrag erreichte innerhalb weniger Stunden 12.000 Aufrufe. Immer mittendrin die Schüler:innen der AG. Sie mischten mit in der Diskussion. Sechs Wochen lang führten sie alle Klassen der Realschule durch die Ausstellung, gestalteten einen Pädagogischen Tag des Lehrerkollegiums mit.

Jeden Sonntag war die Ausstellung für die Öffentlichkeit geöffnet, die Schüler:innen führten Aufsicht, standen Rede und Antwort, übernahmen Führungen für politische und gesellschaftliche Verantwortungsträger. Das Projekt war zum Geschichts- und Politikunterricht unter Realbedingungen geworden, ein Lehrstück in Sachen Erinnerungsarbeit und demokratischen Engagements. Mit bitterem Ausgang: Wir mussten einsehen, dass es keinen politischen Willen gab, die Schule umzubenennen. Am 16. Mai 2024 lehnte der Gemeinderat Obrigheim mit knapper Mehrheit auch den Kompromissvorschlag ab, eine Initiative zu unterstützen, die namenlose Neckarbrücke zwischen Obrigheim und Neckarelz nach Vinzenz Rose zu benennen.

Lichtblicke trotz Rückschlägen
Zu dem Zeitpunkt hatten Initiative und Ausstellung aber längst überregionale Anerkennung erfahren. Es gab Preisauszeichnungen, es folgten Einladungen in den Land- und Bundestag. Der Höhepunkt war sicherlich die Einladung zum Festakt des Bundespräsidenten anlässlich des 75-jährigen Bestehen des Grundgesetzes am 23. Mai 2024.
Auf den ersten Blick scheint die Initiative gescheitert. Nichts wird in Obrigheim an Vinzenz Rose erinnern – kein Schulname, keine Brücke, kein Denkmal. Aber: Vierzig junge Menschen haben sich in den zurückliegenden vier Jahren mit diesem Projekt aktiv auseinandergesetzt. Zuerst meine Abschlussklasse im Projektunterricht unter Corona-Bedingungen, dann vierzehn Schüler:innen freiwillig in einer AG. Acht von ihnen arbeiten auch nach Beendigung ihrer Schulzeit bis heute weiter an dem Thema.


Ausstellung bald auch in Heidelberg
Die Ausstellung geht auf Wanderschaft. Sie ist zu sehen an Schulen und Ausstellungsorten in der Region. Es gibt ein Buch zu der Ausstellung. Die ehemaligen Schüler:innen der AG sind oft dabei, mit Beiträgen zu Vernissagen oder Lesungen aus dem Buch. Und sie geben nicht auf, sie haben sich ein neues Ziel gesetzt.
Darin liegt ein großes Potential, die Erinnerung an Vinzenz Rose und die Verfolgungsgeschichte seiner Minderheit lebendig zu halten. Vielleicht besser, als das ein Schul- oder Brückenname je vermocht hätte.
Hinweis: Zwischen dem 18. Dezember 2025 und dem 29. Januar 2026 wird die Wanderausstellung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gezeigt. Mehr dazu unter www.ph-heidelberg.de.
Autor: Bernhard Edin hat an der PH Heidelberg studiert. Heute ist er Lehrer an der Realschule Obrigheim und ehrenamtliches Vorstandsmitglied der KZ-Gedenkstätte Neckarelz


Schreibe einen Kommentar