Mit Schüler:innen Erinnerungskultur schaffen

Zu sehen sind zwei Schülerinnen bei einer Präsentation in der Schule

Das Schulgebäude Neckarelz diente 1944 als KZ. Der PH-Alumnus und Lehrer Bernhard Edin setzt sich mit seinen Schüler:innen für eine gelebte Erinnerungskultur im Ort ein und muss auch mit Widerständen umgehen.

Am Anfang stand eine Idee. Unsere Schule sollte einen neuen Namen erhalten. Nein, genauer: Überhaupt einen Namen! Für uns hatte sie nämlich keinen. Nur Schulart und Schulort werden genannt: Realschule Obrigheim.

Schulgebäude und Gedenkstätte

Dort unterrichte ich seit über 20 Jahren. Und genauso lange arbeite ich ehrenamtlich im Vorstand der KZ-Gedenkstätte Neckarelz. Ich verantworte dort die pädagogische Arbeit, entwickle unsere Angebote für Schulklassen und Jugendgruppen. Seit 2016 gibt es eine Bildungspartnerschaft zwischen meiner Schule und der Gedenkstätte. Was lag da näher, als die „namenlose“ Schule nach einem Neckarelzer Häftling zu benennen. Schließlich ist Obrigheim der Ort, an dem diese Häftlinge im letzten Kriegsjahr als Arbeitssklaven in einem Rüstungsverlagerungsprojekt in einem nahegelegen Bergwerk missbraucht wurden. Sie waren Menschenmaterial, das für den „totalen Krieg“ der Nazis mobilisiert wurde, um in Obrigheim für Daimler Benz Flugzeugmotoren bauen zu können.

Meine Wahl fiel auf Vinzenz Rose. Ein Sinto, der nach dem Krieg zu einem der wegweisenden Pioniere der Bürgerrechtsbewegung dieser Minderheit werden sollte. Ein Punkt war ausschlaggebend: Bis heute ist keine Schule in Deutschland bewusst nach einem Angehörigen dieser Minderheit benannt. Er sollte der erste sein. Das war im Dezember 2020. Der damalige Obrigheimer Bürgermeister reagierte verhalten, die Bedingungen der Corona-Pandemie taten ein Übriges. Nur mit meiner zehnten Klasse konnte ich projektartig an dem Thema arbeiten.

Erinnern gegen Vorbehalte

Als wir im Mai 2022 mit ersten Ergebnissen in einer Schulveranstaltung an die Öffentlichkeit traten, wurde klar: Es gibt massive Vorbehalte. Im Gemeinderat, im Ort und auch an der Schule. Bereits zuvor hatten wir beschlossen, eine Ausstellung über Vinzenz Rose zu machen. Alle in der Schule und im Ort sollten die Möglichkeit haben, sich über den potenziellen Namensgeber zu informieren.  Und es sollte eine Ausstellung von jungen Menschen werden. Das Projekt, sollte es eine Chance haben, musste aus der Schule herauswachsen. Das war die Geburtsstunde der Geschichte-AG.

Zu sehen sind Schüler:innen der AG Geschichte in der Schule.
Schüler:innen der AG bei der Führung von Klassen. Foto: Privat.

Es war mir gelungen, eine namhafte Stiftung für unser Vorhaben zu gewinnen: die Lautenschläger-Stiftung. Sie finanzierte nicht nur das Projekt. Sie ermöglichte mir Studienaufenthalte mit den Schüler:innen in den Gedenkstätten Auschwitz und Natzweiler. Manfred Lautenschläger übernahm persönlich die Schirmherrschaft für unser Projekt.

Ein politisches Schulprojekt entsteht

Ein Jahr lang arbeiteten die jungen Menschen an der Ausstellung, sichteten Quellen, schrieben Texte und wählten passende Bilder aus. Und zudem: Aus dem historischen war längst ein politisches Projekt geworden. In der Lokalzeitung tobten mehrfach Leserbriefschlachten, im Netz gab es Petitionen gegen und für die Schulnamen-Initiative, ein Tiktok-Beitrag erreichte innerhalb weniger Stunden 12.000 Aufrufe. Immer mittendrin die Schüler:innen der AG. Sie mischten mit in der Diskussion. Sechs Wochen lang führten sie alle Klassen der Realschule durch die Ausstellung, gestalteten einen Pädagogischen Tag des Lehrerkollegiums mit.

Zu sehen ist eine große Gruppe in die Kamera blickend.
03 Geschichte-AG bei der Ausstellungseröffnung am 14. Juni 2023 an der Realschule Obrigheim (mit Romani Rose, Neffe von Vinzenz Rose und Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma sowie Markus Lautenschläger, Geschäftsführer der Lautenschläger-Stiftung). Foto: Privat.

Jeden Sonntag war die Ausstellung für die Öffentlichkeit geöffnet, die Schüler:innen führten Aufsicht, standen Rede und Antwort, übernahmen Führungen für politische und gesellschaftliche Verantwortungsträger. Das Projekt war zum Geschichts- und Politikunterricht unter Realbedingungen geworden, ein Lehrstück in Sachen Erinnerungsarbeit und demokratischen Engagements. Mit bitterem Ausgang: Wir mussten einsehen, dass es keinen politischen Willen gab, die Schule umzubenennen. Am 16. Mai 2024 lehnte der Gemeinderat Obrigheim mit knapper Mehrheit auch den Kompromissvorschlag ab, eine Initiative zu unterstützen, die namenlose Neckarbrücke zwischen Obrigheim und Neckarelz nach Vinzenz Rose zu benennen.

Zu sehen sind vier Schülerinnen bei einem Gespräch im Gemeinderat.
Schülerinnen der Geschichte-AG vor der einzigen Gesprächsrunde mit Gemeinderäten Obrigheims. Foto: Privat.

Lichtblicke trotz Rückschlägen

Zu dem Zeitpunkt hatten Initiative und Ausstellung aber längst überregionale Anerkennung erfahren. Es gab Preisauszeichnungen, es folgten Einladungen in den Land- und Bundestag. Der Höhepunkt war sicherlich die Einladung zum Festakt des Bundespräsidenten anlässlich des 75-jährigen Bestehen des Grundgesetzes am 23. Mai 2024.

Auf den ersten Blick scheint die Initiative gescheitert. Nichts wird in Obrigheim an Vinzenz Rose erinnern – kein Schulname, keine Brücke, kein Denkmal. Aber: Vierzig junge Menschen haben sich in den zurückliegenden vier Jahren mit diesem Projekt aktiv auseinandergesetzt. Zuerst meine Abschlussklasse im Projektunterricht unter Corona-Bedingungen, dann vierzehn Schüler:innen freiwillig in einer AG. Acht von ihnen arbeiten auch nach Beendigung ihrer Schulzeit bis heute weiter an dem Thema.

Zu sehen sind Schülerinnen bei einer Preisverleihung, in die Kamera blickend.
Mitglieder der Geschichte-AG nach der Verleihung des Preises „Aktiv für Demokratie und Engagement“ 2024 in Essen (zusammen mit der Laudatorin Lamy Kaddor, MdB). Foto: Privat.
Zu sehen sind Schülerinnen und Mitglieder eines Vereins sowie Lehrkräfte bei einer Preisverleihung.
Mitglieder der Geschichte-AG bei der Verleihung des Alfred-Hausser-Preises des Verbands der Verfolgten des Naziregimes (VVN) BW in Pforzheim 2023. Foto: Privat.

Ausstellung bald auch in Heidelberg

Die Ausstellung geht auf Wanderschaft. Sie ist zu sehen an Schulen und Ausstellungsorten in der Region. Es gibt ein Buch zu der Ausstellung. Die ehemaligen Schüler:innen der AG sind oft dabei, mit Beiträgen zu Vernissagen oder Lesungen aus dem Buch. Und sie geben nicht auf, sie haben sich ein neues Ziel gesetzt.

Darin liegt ein großes Potential, die Erinnerung an Vinzenz Rose und die Verfolgungsgeschichte seiner Minderheit lebendig zu halten.  Vielleicht besser, als das ein Schul- oder Brückenname je vermocht hätte.

Autor: Bernhard Edin hat an der PH Heidelberg studiert. Heute ist er Lehrer an der Realschule Obrigheim und ehrenamtliches Vorstandsmitglied der KZ-Gedenkstätte Neckarelz

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