Einen Krimi selbst erkunden

Zu sehen sind Schauspieler:innen der English Drama Group der PH Heidelberg bei einer Aufführung im Völkerkundemuseum.

Jeder Raum eine neue Szene: Unsere English Drama Group machte das Völkerkundemuseum kürzlich zu einer begehbaren Theaterbühne. Ein besonderes Erlebnis, wie Student Moritz berichtet.

Manchmal sind es nicht die Geschichten selbst, die uns besonders berühren, sondern die Orte, an denen sie erzählt werden. Als ich mich auf den Weg zur neuesten Produktion der English Drama Group machte, war die Vorfreude entsprechend groß – nicht nur, weil ich die Gruppe bereits aus einer früheren Inszenierung kannte, sondern weil dieser Abend etwas versprach, das über klassisches Theater hinausging: site-specific theatre.

Im Gegensatz zum herkömmlichen Theater kommt hier nicht das Publikum zur Bühne – die Bühne kommt zum Ort. Oder genauer: Der Ort ist die Bühne. In diesem Fall das Völkerkundemuseum im Palais Weimar, mitten in der Heidelberger Altstadt. Ein Gebäude, das selbst Geschichte trägt und beinhaltet und damit mehr ist als bloße Kulisse.

Aufgeführt wurde das Stück von der English Drama Group der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Die Gruppe verbindet Theaterarbeit mit der englischen Sprache und bietet Studierenden die Möglichkeit, Englisch in einem künstlerischen und performativen Kontext zu nutzen. Als Teil der theaterpädagogischen Arbeit an der PH Heidelberg entstehen hier regelmäßig Inszenierungen, die über klassische Bühnenformate hinausgehen und ungewöhnliche Spielorte und Formen erproben. Autor des Stücks ist Ed Hartland, der bereits mehrfach mit der English Drama Group zusammengearbeitet hat. Es handelt sich um seine fünfte Produktion für das PH-Theater.

Ein Haus, das nicht vergisst

Im Zentrum des Stücks steht John Gaunt, ein True-Crime-Autor, der viele Jahre nach dem Mord an seiner Frau an den Ort des Geschehens zurückkehrt: das gemeinsame Haus. Der Mord wurde nie vollständig aufgeklärt, Gerüchte und offene Fragen blieben bestehen. Gaunts Rückkehr ist weniger von dem Wunsch nach einer eindeutigen Wahrheit geprägt als von der Konfrontation mit Erinnerungen, Schuld und Verdrängung. Vergangenheit und Gegenwart beginnen dabei zunehmend zu verschwimmen, Szenen wiederholen sich oder variieren, Perspektiven verschieben sich. Zunehmend steht die Frage im Raum, welches dunkle Geheimnis das Gebäude umgibt und ob es tatsächlich Zufall ist, dass sich hier in regelmäßigen Abständen grausame Mordfälle ereignen.

Mittendrin statt nur dabei

Was diesen Abend für mich besonders gemacht hat, war die Erfahrung aus der Perspektive des Publikums. Als Zuschauer:in war man nicht an einen festen Platz gebunden, sondern ständig in Bewegung. Das Gebäude konnte – und sollte – erkundet werden: vom Garten über die Flure bis hin zur Bibliothek und hinunter in den Keller. Jeder Raum eröffnete neue Szenen, neue Figuren und weitere Fragmente der Geschichte. Dabei spielten die Schauspieler:innen alle Handlungsstränge parallel. Es gab keinen eindeutigen Weg durch die Inszenierung und keine klare Reihenfolge der Szenen. Stattdessen traf man als Zuschauer:in permanent Entscheidungen: Wem folge ich? Wo bleibe ich stehen? Welche Szene lasse ich bewusst hinter mir? Dadurch war man die gesamte Zeit aktiv eingebunden – mit dem Erkunden des Gebäudes, dem Zusammensetzen einzelner Handlungsteile und gleichzeitig dem Versuch, das zugrunde liegende Geheimnis zu entschlüsseln.

Besonders beeindruckend war die dadurch entstehende dichte Atmosphäre. Man hatte nie das Gefühl, nur zu beobachten – vielmehr war man Teil eines komplexen Geflechts aus Zeit, Raum, Bewegung und Spiel. Das Stück verlangte Aufmerksamkeit, Neugier und die Bereitschaft, Unvollständigkeit auszuhalten.

Ein Eindruck, der bleibt

Am Ende bleibt für mich vor allem die Wertschätzung für alle Beteiligten. Die Schauspieler:innen hauchen den Figuren und dem Ort durch ihr großartiges Spiel Leben ein – oft gleichzeitig an unterschiedlichen Orten und immer in Beziehung zum Publikum. Hinzu kommt eine Organisation, die es ermöglicht, das historische Gebäude auf diese Weise in Szene zu setzen und das Publikum sicher und durchgehend in der Immersion durch den Abend zu führen.

Gerade weil so vieles parallel passiert, wird deutlich, wie viel Arbeit, Abstimmung und Vertrauen hinter diesem Projekt steckt. Für mich war dieser Abend deshalb nicht nur ein besonderes Theatererlebnis, sondern auch ein Eindruck davon, was entstehen kann, wenn Theater als gemeinsames Projekt gedacht und umgesetzt wird.

Autor: Moritz Janke studiert Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und ist studentische Hilfskraft in der Pressestelle.

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