Kinderschutz an Schulen

Zu sehen sind die Beine eines Schülers im Unterricht mit einem Fußball.

Verantwortung braucht Vorbereitung: Davon ist PH-Alumnus Jan Kircher überzeugt. Er fordert eine bessere Verankerung von Kinderschutz im Lehramt, damit Schulen zu echten Schutzräumen werden.

Mein Name ist Jan, ich habe an der PH Heidelberg Lehramt an Grundschulen (Staatsexamen) studiert. Nach meinem Studium bin ich allerdings nicht in die Schule gegangen, sondern entschied mich für den Wechsel in die Soziale Arbeit. Nun arbeite ich seit vier Jahren im Kinderschutz. In diesem Blogbeitrag möchte ich ein mir sehr wichtiges Thema mit euch teilen.

Im Rahmen meines Masterstudiums untersuchte ich, wie gut Lehrkräfte auf ihre Rolle im Kinderschutz vorbereitet sind. Die Ergebnisse meiner Forschung deckten sich mit meinen ersten Erfahrungen in der Schule: Es gibt hier einen strukturellen Entwicklungsbedarf.

Wie gut sind Lehrkräfte vorbereitet?

In meinen Interviews mit Lehrkräften der Sekundarstufe habe ich eine sehr große Unsicherheit im Umgang mit möglichen Kindeswohlgefährdungen feststellen können. Viele Lehrkräfte berichteten, dass Kinderschutz in ihrem Studium und Vorbereitungsdienst kaum oder gar nicht verpflichtend thematisiert wurde. Häufig fehlten ihnen klare Kenntnisse über Abläufe, rechtliche Grundlagen und Zuständigkeiten. Nein, die Schulsozialarbeit ist nicht für dich zuständig, wenn sich dir ein Kind dir anvertraut.

Dabei wäre eine Sensibilisierung dringend notwendig, denn das Thema betrifft jede Schule und jede Schulform. Studien gehen davon aus, dass ein bis zwei Kinder pro Schulklasse (!) von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Hinzu kommen Fälle von Vernachlässigung, häuslicher Gewalt, psychischer oder körperlicher Misshandlung. Kinderschutz ist somit kein Einzelfallthema, sondern eine schulische Realität.

Die Rolle der Lehrkraft

Lehrkräften kommt dabei eine besonders wichtige Rolle zu: Sie sind zentrale Bezugspersonen im Alltag von Kindern und Jugendlichen. Sie erleben Veränderungen im Verhalten, Leistungsabfälle, Rückzug oder auffällige Interaktionen oft als Erste. Gerade weil Schule ein kontinuierlicher Lebensort ist, kommt Lehrkräften eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung und Einordnung möglicher Anhaltspunkte zu.

Gleichzeitig wurde in meiner Forschung deutlich: Unsicherheit im Umgang mit Verdachtsmomenten kann dazu führen, dass Situationen nicht klar angesprochen oder weiterverfolgt werden. Nicht aus mangelndem Engagement, sondern aus Sorge, falsch zu handeln oder rechtliche Grenzen zu überschreiten sowie unzureichender Sensibilisierung.

Schutzkonzepte – rechtliche Entwicklungen

Zum Zeitpunkt meiner Datenerhebung gab es in Baden-Württemberg noch keine verbindliche Verpflichtung für Schutzkonzepte an Schulen. Mittlerweile hat sich rechtlich (zum Glück) etwas getan: Mit einem Erlass vom 11. März 2025 sind nun alle staatlichen Schulen in Baden-Württemberg verpflichtet, ein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt zu entwickeln.

Schon allein aus fachlicher Sicht finde ich das einen wichtigen Schritt. Aus meiner Sicht sollte der Schutzauftrag jedoch weiter gefasst werden. Schule sollte ein Schutzraum vor jeder Form von Gewalt sein, nicht ausschließlich vor sexualisierter Gewalt. Ich habe beim Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration nachgefragt: Die Schutzkonzepte sollen nicht nur sexualisierte Gewalt behandeln, sondern auch andere Gewaltformen, so das Sozialministerium. Entscheidend wird sein, wie diese Auslegung in der schulischen Praxis umgesetzt wird. Denn Schutzkonzepte entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie im Schulalltag bekannt sind, regelmäßig reflektiert und tatsächlich angewendet werden.

Was angehende Lehrkräfte wissen sollten

Umso wichtiger ist es, dass sich schon angehende Lehramtsstudierende frühzeitig mit Fragen rund um den Kinderschutz auseinandersetzen sollten:

  • Woran erkenne ich mögliche Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung?
  • Wie reagiere ich, wenn mir ein Kind etwas anvertraut?
  • Welche internen und externen Ansprechpersonen gibt es?
  • Welche rechtlichen Grundlagen sind relevant?

Informationsangebote und Ausblick

Das baden-württembergische Sozialministerium hat kürzlich eine eigene Website zum Thema Kinderschutz veröffentlicht. Hier sind grundlegende Informationen u.a. zu Zuständigkeiten und Verfahren gebündelt. Solche Angebote sind sinnvoll, ersetzen jedoch keine verbindliche Verankerung des Themas in der Lehrkräfteausbildung.

Ich finde: Wenn Schule ihrer Verantwortung als Schutzraum gerecht werden soll, braucht es eine systematische Einbindung von Kinderschutz in Studium, Vorbereitungsdienst und Fortbildung. Lehrkräfte sind nicht allein verantwortlich, aber sie sind ein zentraler Bestandteil des Systems. Entsprechend wichtig ist es, sie fachlich fundiert darauf vorzubereiten – im Interesse der Kinder.

Zu sehen ist ein Profilfoto von Alumnus Jan Kircher.
PH-Alumnus Jan Kircher. Foto: privat.

Autor: Jan Kircher hat Grundschullehramt an der PH Heidelberg studiert. Heute arbeitet er als Schulsozialarbeiter beim Diakonischen Werk Breisgau-Hochschwarzwald.

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