Hi, ich bin Mia und komme aus einem kleinen Dorf im Odenwald. Ich bin in einer tollen Familie aufgewachsen, die mir vieles ermöglicht hat. Aber seit ich denken kann, dreht sich fast jedes zweite Gespräch, an dem meine Großeltern beteiligt sind, um deren Bauunternehmen. Der Fokus meiner Familie ist das Handwerk.
Erste Akademikerin in der Familie
In meiner Familie hat bisher niemand die Allgemeine Hochschulreife erworben – geschweige denn studiert. Seitdem ich mich dazu entschlossen habe, Sonderpädagogik in Heidelberg zu studieren, möchte und muss ich mich erklären.
Ich möchte mich erklären, weil ich meiner Familie diese Lebenswelt näherbringen möchte, weil ich verstanden werden will und gerne Anerkennung für meine Leistungen hätte. Leistungen, die für meine Familie oft wenig greifbar scheinen. Und ich muss mich erklären, weil ich nur noch an den Wochenenden zu Hause sein kann, dann aber meistens arbeiten gehe und auch in den „Semesterferien“ Dinge fürs Studium erledigen muss. Und auch, weil ich – nein, immer noch nicht – fertig bin und endlich „echtes“ Geld verdiene. Manches schwingt nur zwischen den Zeilen mit, manches wird klar formuliert und wirkt mitunter wie ein Vorwurf.
Einige Semester lang hielt ich das für meine individuelle Erfahrung. Aber mittlerweile, kurz vor meinem Bachelorabschluss, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es andere gibt, die diese Erfahrungen teilen. Ich denke, für viele wäre es toll, schon etwas früher zu erkennen, dass sie mit ihren Fragen und Unsicherheiten nicht alleine sind.


Treffen für den Austausch von Erfahrungen
Deshalb habe ich das Vernetzungstreffen für Erstakademiker:innen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg ins Leben gerufen. Teilnehmen kann jede:r, die als erste Person ihrer Familie studiert. Jede:r ist willkommen und kann Geschichten, Erinnerungen, Fragen und Sorgen teilen, mit denen man vielleicht lange Zeit glaubte, allein zu sein.
Zahlen zum Thema, beispielsweise des Hochschulbildungsreports, unterstützen diesen Eindruck: Während 79 Prozent der Kinder aus Akademiker:innenhaushalten ein Studium beginnen, sind es nur 27 Prozent der Kinder aus Haushalten von Nichtakademiker:innen.
Auch wenn man als Erstakademiker:in zwar nicht ganz allein an der Hochschule ist, fühlt man sich doch häufig nicht verstanden. Probleme bei der Finanzierung des Studiums, ein Mangel an Informationen, fehlendes Verständnis aus dem nahen Umfeld sowie mentale Barrieren spielen für viele Erstakademiker:innen eine Rolle in ihrem Hochschulalltag. Das Treffen und die dadurch entstehenden Kontakte sollen Abhilfe schaffen und Studierenden dabei helfen, sich wahrgenommen und verstanden zu fühlen.
Erstes Kennenlernen bei Tee und Lebkuchen
Das erste Treffen fand am 8. Dezember 2025 im Gleichstellungsbüro im PH-Altbau statt. Eine entspannte Atmosphäre bei Tee und Lebkuchen lud dazu ein, eigene Erfahrungen zu teilen. Themen waren unter anderem die Vereinbarkeit von Studium und Nebenjobs, Druck und Unverständnis vonseiten der eigenen Familie und Fragen zu Stipendien und Unterstützungsangeboten. Viele schilderten das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen – in der akademischen Welt nie ganz dazuzugehören, aber in der Heimat ebenfalls nicht mehr richtig anzukommen. Das offene Gespräch darüber wirkte auf mich (und hoffentlich auch andere) erleichternd und stärkend: Niemand ist allein mit diesen Gedanken und Fragen.
Nächstes Treffen am 12. Januar um 17 Uhr
Ein erneutes Treffen ist für Montag, den 12. Januar um 17 Uhr geplant und wird voraussichtlich erneut im Gleichstellungsbüro (Keplerstraße 87, Raum 019) stattfinden. Es gibt wieder Snacks und vielleicht können rechtzeitig vor der Klausurenphase nicht nur Erfahrungsberichte, sondern auch noch ein paar Lernzettel ausgetauscht.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, ich freue mich auf euch!
Zur Autorin: Mia Karn studiert im Bachelor Lehramt Sonderpädagogik mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und Sprache sowie dem Fach Deutsch. Sie ist zudem im Studierendenparlament und dem Senat der Hochschule tätig.


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