Nach dem Abitur fühlte ich mich vor allem eines: überfordert. Während viele meiner Freund:innen schon wussten, was sie studieren würden, hatte ich keine Ahnung, wohin ich eigentlich wollte. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten, zwischen denen man wählen konnte. Also entschied ich mich, erstmal etwas zu tun, was „vernünftig“ war: Ich begann eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Ein sicherer Weg, wie ich dachte. Einer, bei dem man nichts falsch machen kann.
Die Ausbildung schloss ich erfolgreich ab, aber die Frage blieb: Ist das wirklich meins? Ich spürte schon damals, dass ich gern lerne und noch nicht am Ende meines Bildungsweges angekommen war. Also entschied ich mich, noch ein Studium anzuschließen – warum hätte ich auch sonst Abitur machen sollen? So dachte ich damals. Ich entschied mich nach kurzer Überlegung für Betriebswirtschaftslehre. Das baute gut auf der Ausbildung auf, schien logisch, solide, planbar.
Wo liegen eigentlich meine Talente?
Doch während der Pandemie, in der ich einen Großteil meines Studiums verbrachte, erlebte ich genau das Gegenteil: digitale Vorlesungen, eine große Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt, kaum Möglichkeiten für Praktika und Werkstudierendenjobs, in denen ich Praxiserfahrungen sammeln konnte. Am Ende der Pandemie stand ich mit einem Abschluss in der Hand da, aber mit fast genauso wenig Orientierung wie nach meinem Schulabschluss.
Ich startete ins Berufsleben und hoffte, dass sich vieles mit der Zeit richten würde. Doch die Zweifel kamen zurück: Ist es normal, dass Arbeit sich so schwer anfühlt? Liegt es an mir – oder daran, dass meine Talente vielleicht ganz woanders liegen?

Selbstfindung statt Stillstand
Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich inne und begann, mich wirklich mit mir selbst zu beschäftigen. Ich machte ein eintägiges Berufscoaching, las Bücher, die mich interessierten, schrieb regelmäßig meine Gedanken auf und belegte Online-Kurse zu Themen, die mich ansprachen. Ich stellte mir Fragen, die ich mir zuvor nie gestellt hatte: Was würde ich tun, wenn ich völlig frei wählen könnte? Bei welchen Aufgaben vergesse ich die Zeit? In welcher Stadt möchte ich leben? Welchen Beitrag möchte ich mit meiner künftigen Arbeit leisten?
In dieser Zeit begann ich auch, meine eigene Gesundheit und die der Menschen in meinem Umfeld bewusster wahrzunehmen. Einige persönliche Erlebnisse zeigten mir, dass Gesundheit alles andere als selbstverständlich ist. Diese Erkenntnis hat mich stark geprägt. Sie ließ mich nachdenken über Lebensqualität, Balance und das, was wirklich zählt.
Prävention und Gesundheitsförderung: Das passt!
Und genau diese Erkenntnis führte mich schließlich nach Heidelberg, und zwar an die Pädagogische Hochschule. Hier entdeckte ich das Studium der Prävention und Gesundheitsförderung, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Das passt!
Gesundheitsförderung bedeutet, Menschen zu befähigen, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Prävention zielt darauf ab, Krankheiten und Belastungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Der Gedanke, mit meiner zukünftigen Arbeit etwas Sinnvolles zum gesellschaftlichen Wohl beizutragen, sprach mich sofort an.
Demgegenüber stand die schwierige Entscheidung, mein sicheres Umfeld erst einmal aufzugeben. Eine neue Stadt, ein neues Umfeld und noch einmal für ein paar Jahre finanziell zurückzustecken. War es mir das wert?
An einem schönen Sommertag im August fuhr ich mit dem Zug nach Heidelberg, um mir die Hochschule und die Stadt anzusehen. An diesem Tag verliebte ich mich in die Stadt. Und als ich die ersten Stufen der Treppe im Altbau in der Keplerstraße hinaufging, spürte ich: Das ist der richtige Schritt.
Ein Studium, das bewegt – im wahrsten Sinne
Seit Oktober studiere ich nun an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg – und ich habe meine Entscheidung keine Sekunde bereut. Die Dozent:innen leben, was sie lehren: In Seminaren machen wir Bewegungspausen, der Studiengang ist praxisnah und die Atmosphäre ist offen und wertschätzend. Heidelberg selbst trägt seinen Teil dazu bei: jung, lebendig und voller Möglichkeiten.
Ich habe gelernt, dass es keinen „richtigen Zeitpunkt“ gibt, um etwas Neues zu beginnen. Manchmal ist genau „jetzt“ der richtige Moment. Und wenn mich jemand fragt, ob ich die Entscheidung, mit 29 Jahren noch einmal ein Studium anzufangen, wieder treffen würde, lautet meine Antwort: Ja, auf jeden Fall!
Denn das Gefühl, endlich auf dem richtigen Weg zu sein, ist unbezahlbar.
Zum Autor: Timo Lind studiert seit Oktober an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg den Bachelorstudiengang Prävention und Gesundheitsförderung. Zuvor hat er Betriebswirtschaft studiert und in der Industrie sowie im Banken- und Versicherungsumfeld gearbeitet.


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