„If you know you are on the right track, if you have this inner knowledge, then nobody can turn you off… no matter what they say.“ Nobelpreisträgerin Barbara McClintock
Frauen sind in Hochschulen heute sichtbar – und doch werden sie umso seltener, je höher die Karrierestufe. Gleichzeitig brauchen wir genau diese vielfältigen Perspektiven, wenn wir die großen Transformationsaufgaben unserer Zeit angehen wollen.
Tag der Frauen & Mädchen in der Wissenschaft
Zum Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft am 11. Februar möchte ich daher erzählen, warum ich nach Jahren in der Wirtschaft in die Wissenschaft zurückgekehrt bin – und warum gerade ungerade Wege wichtig sind.
Als mich Birgitta Hohenester von der Kommunikationsabteilung fragte, ob ich einen Beitrag zum Thema Frauen in der Wissenschaft schreiben möchte, sagte ich spontan: „Klar, kann ich machen.“ Erst im zweiten Moment hielt ich inne. Bin ich denn überhaupt eine Frau in der Wissenschaft? Ich habe schließlich keine klassische akademische Laufbahn verfolgt, keine Habilitation angestrebt, keine wissenschaftliche Karriereleiter erklommen.
Mein Weg führte mich in die Wirtschaft zur SAP, wo ich im Management Personalverantwortung für unterschiedliche internationale Teams Verantwortung übernehmen und enorm viel lernen durfte. Dazu gehörten auch Bildungsthemen: Mit meinem Team habe ich diverse Lernformate entworfen, wie z.B. die „Go Digital Night – Lernen als Festival“, das sogar einmal an der PH Heidelberg stattgefunden hat. Zuletzt habe ich an der Strategieentwicklung zur weltweiten Zusammenarbeit mit Universitäten und Schulen mitgewirkt. Doch – wissenschaftliches Arbeiten im engeren Sinne gehörte dort nicht zu meinem Alltag.
Und dennoch lag diese Anfrage nun in meinem Postfach. Wahrscheinlich, weil ich vor einigen Monaten eine Entscheidung getroffen habe, die ich lange in mir getragen hatte: den Schritt zurück in die Academia zu wagen – oder, ehrlicher gesagt, einen Punkt auf meiner „Life-list“ anzugehen.


Wow, das ist Erdgeschichte!
An dieser Stelle vielleicht ein Mini-Exkurs in meine Vergangenheit, die Grundstein für meine Kursänderung ist: Während meines Jura- und Geographiestudiums an der Universität Heidelberg nahm ich an einer mehrwöchigen Forschungsexpedition in die argentinischen Anden teil. Wir untersuchten u. a. den Einfluss der Solarkonstante auf das Abflussverhalten von Blockgletschern, bemalten Steine zur Messung von Transportdistanzen, nutzten Seismik und zogen Bodenkerne aus einem trockenen Salar. Ich erinnere mich lebhaft an den Moment, in dem ich einen frisch ausgehobenen Bohrkern in den Händen hielt und dachte: Wow, das ist Erdgeschichte. Und ich darf sie deuten lernen. Damals entstand der Wunsch, selbst einmal ein Thema zu erforschen und neues Wissen zu schaffen.
Doch dann kam das Leben: Mama einer großartigen Tochter werden, Studium beenden, Geld verdienen. Meine Diplomarbeit über ein statistisches Modell zur Vorhersage von Hangrutschungen schloss ich ab, aber für größere wissenschaftliche Vorhaben blieb erst einmal kein Raum.
Zurück von der Wirtschaft in die Wissenschaft
Heute wage ich den Sprung zurück: Vom „Head of“ zur Doktorandin. Ich begleite als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum für Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule die Umsetzung der B:NE Strategie und starte mit meiner Promotion. Danke an Prof. Dr. Alexander Siegmund für die Möglichkeit.
Der Wiedereinstieg war überraschend unerwartet. Nach Jahren voller Tempo, dicht getakteter Termine und der Arbeit an Vision und Strategie empfand ich es zunächst ungewohnt, wieder viel zu lesen, zu recherchieren und mich tief in Details von Themen zu versenken. Ich musste feststellen: Konzentration ist ein Muskel, der Training braucht.
Parallel wurde mir bewusst, wie sehr mein nicht linearer Weg in das größere Bild passt. Frauen stellen beim Studienstart eine Mehrheit unter den Absolvent:innen (53 Prozent), doch mit jeder Karrierestufe sinkt ihr Anteil drastisch – bis hin zu nur 30 Prozent bei den Professuren, trotz jahrzehntelangen Fortschritts. Der She Figures Report zeigt, dass diese Entwicklung europaweit ähnlich ist. Gerade deshalb ist der Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft wichtig: Er erinnert daran, dass auch Gender Vielfalt im System kein „Nice to have“ ist, sondern Voraussetzung für Innovation.
Praxisnah und transdisziplinär
Für meine Promotion war klar, dass mein Interesse an Systemen und ihren Wechselwirkungen einfließen muss – ebenso wie meine Passion für Ernährung und nachhaltige Lebensstile. Mit dem Konzept der Planetary Health/One Health und seiner Rolle als Impulsgeber für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) sowie dem Whole Institution Approach (WIA) habe ich einen Rahmen für meine Dissertation gefunden, der sich gut mit meiner Projektrolle ergänzt. Planetary Health/One Health versteht Gesundheit in einem mehrdimensionalen Ansatz als untrennbar mit den natürlichen Systemen verbunden, von denen menschliches Wohlergehen abhängt.
Mein Dissertationsthema soll praxisnah und transdisziplinär sein. Die Umsetzung der BNE-Strategie und der WIA unterstützen das, denn dort stehen Co Creation, Partizipation und echte Veränderungsprozesse im Fokus.
Mich treibt die Frage um, ob der normative Planetary Health Ansatz eine nachhaltigere Haltung fördert und damit Veränderung an Hochschulen anstößt. Wären Interventionen, zum Beispiel in der Mensa – das Ernährungssystem beeinflusst die Gesundheit von Menschen wesentlich und es verursacht 30 Prozent der Emissionen – in Form von Workshops, Wissensimpulsen oder spielerischen Formaten geeignet, Bewusstsein und Handlungsbereitschaft zu stärken? Damit werde ich mich in den kommenden Monaten beschäftigen, und lade Sie schon jetzt ein, neugierig dabei zu sein.


Neugierig bleiben, Wege öffnen, Umwege wertschätzen
Mein Weg in die Wissenschaft soll Theorie und Praxis verbinden: die Evaluierung konkreter Interventionen mit einem transformativen Bildungsansatz. Mein Weg verläuft nicht linear, und ich denke, er muss es auch nicht. Forscherdrang und Neugier sind jederzeit legitim – vielleicht sogar notwendig. Wir werden schließlich als kleine Forscher:innen geboren.
Mein Votum am Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft ist daher: neugierig bleiben, Wege öffnen, Umwege wertschätzen – und das wissenschaftliche Denken als Treiber persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung bewahren.
Zur Autorin:
Diplom-Geographin Christiane Bauer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Heidelberger Zentrum Bildung für nachhaltige Entwicklung und promoviert zu „One Health und Transformation“ bei Prof. Dr. Alexander Siegmund. Sie wird dabei gefördert vom PHÖNIX-Programm der Hochschule zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft.


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