Sexuelle Bildung im Sexshop?

Zu sehen ist ein Bücherregal in einem Sexshop.

Schmuddelig oder lehrreich? Sexshops spielen eine wichtige Rolle für das Verständnis von Sexualität. Mit einer Exkursion widmete sich ein Seminar diesem ungewöhnlicher Ort sexueller Bildung.

Ein Sexshop ist natürlich ein ungewöhnlicher Exkursionsort. Im öffentlichen Raum gelten sie als schmuddelig, finden sich eher in Randgebieten, und darüber zu sprechen: ein Tabuthema. Aber sie spielen für das Verständnis von Sexualität in Deutschland eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wer sich mit sexueller Bildung auseinandersetzt, muss sich daher auch die Frage stellen: Kann in einem Sexshop sexuelle Bildung stattfinden? Wie wird Sexualität dort dargestellt, visualisiert und reproduziert? Für welche Zielgruppe sind die dort angebotenen Produkte? Wie diversitätssensibel sind die dort verkauften Medien und welche Perspektiven auf Körper, Geschlecht und Heterogenität erzeugen diese?

Im Sommersemester 2025 habe ich mit dem Seminar „Sexuelle Bildung“ mit Studierenden der Pädagogischen Hochschule und der Universität Heidelberg eine ungewöhnliche Exkursion durchgeführt. Bepackt mit Forschungsfragen sind wir an einem Dienstagnachmittag ins Feld gegangen, um zu forschen – ausgestattet mit Tablets, Maßbändern und Exceltabellen. Das Feld war in diesem ein besonderes Biotop, nämlich ein Sexshop in Mannheim.

Ich habe natürlich vorab gefragt, ob sich die Studierenden mit diesem außergewöhnlichen Exkursionsort wohlfühlen. Die Rückmeldung: Klar, sie seien ja für einen professionellen Forschungsaufenthalt hier und nicht zum Spaß.

Literatur, die überrascht

In Kleingruppen wurden Bekleidungsstücke sowie Rollen- und Körperbilder dokumentiert und teils kritisch, teils humorvoll analysiert. Für viele war es der erste Besuch in einem Sexshop – auch das wurde autoethnografisch reflektiert: Was macht dieser Ort mit mir? Welche Emotionen rufen die Produkte und Darstellungen von Sexualität hervor? Das Resümee fiel überwiegend positiv aus: „Ich finde, da wir mit konkreten Fragen im Rahmen eines Seminars hier sind, haben wir eine gewisse professionelle Distanz – anders als bei einem privaten Besuch.“

Positiv überrascht waren viele auch von der angebotenen Literatur: Neben erotischer Belletristik fanden sich Ratgeberliteratur, Sachbücher und Aufklärungsmaterialien – teils herausgegeben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGa) oder Pro Familia.

Arbeit in einem Sexshop

Auch die Mitarbeiter:innen im Sexshop standen den Studierenden für Fragen zur Verfügung. Ein Arbeitsplatz im Sexshop ist alles andere als gewöhnlich. Die Reinigung von Videokabinen gehört ebenso zum Alltag wie das Ertragen grenzüberschreitenden Verhaltens einzelner Kunden. Besonders zu Beginn – mit 20 Jahren – empfand eine Verkäuferin Angebote für sexuelle Handlungen gegen Geld als belastend. Heute geht sie souverän damit um: Die betreffenden Kunden erhalten Hausverbot.

Die Kundschaft ist sehr heterogen: Neben Männern zwischen 30 und 40 und Rentnern gehören queere Menschen, Prostituierte und andere Menschen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, dazu. Diskretion spielt bei allen eine wichtige Rolle. Beim Einkauf gibt es neutrale Tüten, und auch im privaten Umfeld bleibt die Verkäuferin vorsichtig. Nur ihre Mutter weiß, wo sie arbeitet. Der Rest ihrer konservativen Familie glaubt, sie arbeite in einem Kleidungsgeschäft.

Problematische Idealvorstellungen von Sexualität

Die Studentin Eva Maria Wolf ist bei der Exkursion der Frage nachgegangen, ob im Sexshop Inhalte oder Produkte zu finden sind, die junge Erwachsene in ihrer sexuellen Entwicklung oder Selbstwahrnehmung negativ beeinflussen können. Ihre Hypothese: Bestimmte Angebote im Sexshop vermitteln möglicherweise problematische Normvorstellungen über Körper und Sexualität. Ihr Bericht:

Beim Rundgang durch das Geschäft fiel uns eine Vielzahl an Produkten auf, die sich stark an normativen Schönheits- und Körperidealen orientieren. Besonders deutlich wurde dies bei Artikeln wie Penisvergrößerungsmitteln, Brustvergrößerungspumpen und anderen körperoptimierenden Produkten. Diese werden häufig mit dem Versprechen beworben, die eigene sexuelle Attraktivität oder Leistungsfähigkeit zu steigern. Damit wird möglicherweise die Vorstellung vermittelt, dass ein bestimmter Körperbau oder eine bestimmte sexuelle Performance notwendig ist, um als sexuell richtig oder begehrenswert zu gelten.

Auffällig war auch, dass viele der dargestellten Körperbilder und Versprechen stark an die Darstellungen in pornografischen Medien erinnern. Diese zeigen häufig übertriebene, realitätsferne Körper und Sexualverhalten. Die im Sexshop angebotenen Produkte greifen diese Darstellungen auf und tragen dadurch zur Reproduktion eines normativen und oft fragwürdigen sowie unerreichbaren Ideals bei. Wenn man sich jedoch Pornotitel anschaut, so werden dort vielfältige Körper, verschiedene sexuelle Orientierungen und unterschiedliche Zielgruppen angesprochen. Den Porno gibt es nicht, daher wird deutlich, wie wichtig es ist, im Rahmen sexueller Bildung auch Themen wie Körpervielfalt, Medienkritik und individuelle sexuelle Entwicklung zu thematisieren.

Die Aufgabe eines Sexshops ist erstmal, Produkte zu verkaufen, die Kund:innen nachfragen. Ein Bildungsauftrag hat dieser nicht. Dennoch bietet eine Exkursion die Möglichkeit, sich mit verschiedenen Körperbildern, Medien und Diversität und verschiedenen Formen von Sexualität zu beschäftigen.

Autor:innen: Valentin Kleinpeter ist Dozent im Fach Biologie und promoviert im Bereich sexueller Bildung. Eva Maria Wolf studiert Biologie an der PH Heidelberg.

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