Welchen ethischen Herausforderungen begegnen Lehrkräfte in ihrer täglichen Arbeit an Schulen, und wie wäre mit ihnen umzugehen? In welchem Verhältnis stehen dabei ethisches und pädagogisches Denken?
Zu diesen Fragen wird beim Kamingespräch ein Austausch von Theorie und Praxis stattfinden, um Grundfragen der Ethik im Hinblick auf aktuelle institutionelle, gesellschaftliche sowie politische Entwicklungen und Rahmenbedingungen schulischen Handelns zu diskutieren.
Initiiert und moderiert von Juniorprofessorin Dr. Anne Kirschner und Juniorprofessor Dr. Tom Wellmann gehen bei diesem HSE-Kamingespräch Martin Rockenbach, Prof. Dr. Georg Zenkert, Prof. Dr. Melanie Kuhn und ich in den Austausch und beziehen dabei auch Fragen und Erfahrungen aus dem Publikum ein.
Das Kamingespräch „Ethisches Denken – schulisches Handeln“ findet am 1. Dezember 2025 von 18:00 bis 20:00 Uhr statt. Veranstaltungsort ist der HSE Konferenzraum (Voßstraße 2, 69115 Heidelberg, Gebäude 4330). Mehr Infos
PH calling
Das Kamingespräch geht zurück auf die gleichnamige Ringvorlesung und einen hierzu kürzlich erschienenen Sammelband. Zu beidem durfte ich gemeinsam mit Prof.in Melanie Kuhn einen Beitrag leisten. Eigentlich haben wir Wissenschaftler:innen immer genug um die Ohren und jeder Termin will gut abgewogen sein. Aber als diese Anfrage in meinem Postfach landete, viel mir eine Zusage nicht schwer. Schließlich habe ich viele Jahre an der PH Heidelberg verbracht und ein Vortrag hier ermöglichte mir das Wiedersehen von und die Zusammenarbeit mit geschätzten Kolleg:innen. Außerdem sollte die Vorlesung ausgerechnet in jener Aula stattfinden, die wir als Studierende im Bildungsstreik 2009 besetzt hatten – also in unserem geliebten Wohnzimmer.
Ein gemeinsames Thema war zudem schnell gefunden: Es sollte uns darum gehen, den Umgang mit gesellschaftlicher Differenz in der schulischen Praxis als eine ethische Herausforderung zu diskutieren. Dass mir dieses Thema so wichtig ist, hat auch mit meinen eigenen Erfahrungen an der PH Heidelberg zu tun.
Fragen der Teilhabe an Schule als ethisches Fragen
Die Teilhabe an Bildung gilt als eine wichtige Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Dennoch kann noch lange nicht von einem gleichberechtigten Zugang zu Bildung gesprochen werden. Deswegen hat sich die erziehungswissenschaftliche Forschung in den letzten Jahren intensiv mit der Bedeutung von Differenz für die Möglichkeiten der schulischen Teilhabe beschäftigt.
Für die Lehrkräfte in der Praxis resultiert daraus häufig die Aufforderung, ihre Verstrickungen in die (Re-)Produktion gesellschaftlicher Differenzverhältnisse zu reflektieren. Das ist sicherlich eine notwendige Anforderung an Lehrkräfte. Mit dem Fokus auf die Professionalität und Reflexionsfähigkeit der Lehrkräfte geraten aber oft die Strukturen und Rahmenbedingungen aus dem Blick, unter denen Lehrkräfte arbeiten. Und es wird verkannt, dass Schule eine kollektive Angelegenheit ist: Sie ist das Ergebnis der Tätigkeit aller an ihr beteiligten – von den Schüler:innenn über die Eltern und das nicht-pädagogische Personal bis hin zur Schulleitung. Und alle sind an der (Re-)Produktion gesellschaftlicher Differenz beteiligt – wenn auch mit unterschiedlichen Möglichkeiten.
Warum also nicht mit allen Beteiligten gemeinsam darüber streiten, was Schule für wen sein kann und soll und was das dann jeweils für die Möglichkeiten der Teilhabe bedeutet? Vor diesem Hintergrund steht Prof.in Melanie Kuhns und mein Vorschlag für die Frage des Zusammenhangs von ethischem Denken und schulischem Handeln. Wir schlagen vor, schulische Teilhabeordnungen gemeinsam mit Schüler:innen zu befragen – z.B. mit Hilfe von Methoden der partizipativen Forschung.
Universität als zu gestaltender Bildungs- und Lebensort
Es ist für mich von besonderer Bedeutung, dass ich diese Thesen an der PH Heidelberg vertreten darf. Denn hier habe ich von 2007 bis 2014 (richtig gelesen!) studiert und danach bis 2020 an meiner Promotion gearbeitet.
Die PH war für mich dabei immer mehr als nur der Ort der von mir besuchten oder angebotenen Lehrveranstaltungen. Von den Studierendenprotesten 2009 und die sich daran anschließende Gründung der ZEP über meine Mitarbeit im Team der Erstsemesterwoche (damals noch in einem etwas exklusiveren Kreis, was von der folgenden Studierendengeneration zu Recht in Frage gestellt wurde) oder als Tutor in der autonomen Seminarreihe „Krüppel, Spasten und Idioten“ bis hin zur Vertretung der Doktorand*innen: An der PH gab es für mich immer den Raum und die entsprechenden Menschen, nicht nur um die Studieninhalte zu ringen und produktiv zu streiten, sondern gerade auch um die Frage, unter welchen Rahmenbedingungen dies geschieht.
Noch heute experimentiere ich deshalb mit unterschiedlichen Formen der Seminargestaltung, die Studierenden eine größere Mitbestimmung ermöglichen sollen. Zu reflektieren, was unsere Vorstellungen von Bildung und Bildungsinstitutionen für die (Un-)Möglichkeiten der Teilhabe von Menschen bedeutet, ist stets eine große Herausforderung, die sich für mich im Wechselspiel zwischen theoretischem Denken und in Institutionen eingebettetem Handeln vollzieht. Sich dann gemeinsam auf den Weg zu machen und Barrieren abzubauen, kann anstrengend und ernüchternd sein. Solche Bemühungen sind aber auch der Ausgangspunkt für Prozesse der Bildung und der Demokratisierung.
Diese Prozesse vollziehen sich nicht allein in der Theorie. Sie ereignen sich in konkreten Auseinandersetzungen (wie dem geplanten Kamingespräch) und an konkreten Orten. Dies zu erfahren, war mir nur möglich, weil die PH Heidelberg sich immer wieder also ein solcher Ort angeboten hat – und weil wir sie dort, wo sie es nicht war, dazu gemacht haben.
Autor: Dr. Jens Geldner-Belli hat an der PH Heidelberg studiert und promoviert. Heute ist er Lehrkraft für besondere Aufgaben (LfbA) an der Universität Koblenz.


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