Mit Kind ins Praktikum nach Bogotá

Zu sehen ist Julian mit seinem Sohn auf den Schultern vor der Stadtkulisse

Sonderpädagogikstudent Julian hat mit Sohn sein Auslandspraktikum in Kolumbien verbracht. Er berichtet von seinen intensiven Erfahrungen – und davon, dass „mit Kind“ nicht „doppelt so schwer“ bedeutet.

Da stehen wir also. Frankfurt, Sicherheitskontrolle, alle Papiere dabei: Bescheinigungen, Unterschriften, Nachweise, ein ganzer Ordner Verantwortung. Und trotzdem ist über eine halbe Stunde lang unklar, ob mein Sohn und ich überhaupt zum Gate dürfen. Welches Dokument genau fehlt? Weiß niemand so recht. In diesem Moment wird mir glasklar: Ich reise nicht einfach als Student ins Ausland. Ich reise als alleinerziehender Vater, mit Kind, mit doppelter Verantwortung und mit einem Plan, der gerade zu wackeln beginnt.

Spoiler: Es ging gut aus. Aber der Reihe nach.

Warum denn Kolumbien?!

Als ich sah, dass die PH Heidelberg für das Integrierte Semesterpraktikum (ISP) im Ausland eine Partnerschaft mit dem Colegio Andino, der Deutschen Schule in Bogotá hat, war die Sache für mich sofort klar. Diese Schule kannte ich nämlich schon aus der 10. Klasse. Damals war ich mit meinem Vater dort. Und jetzt, viele Jahre später, sollte ich mit meinem Sohn Lucas zurückkehren. Wenn das kein Kreis ist, der sich schließt.

Natürlich gab es Fragen im Vorfeld. Reicht mein aufgefrischtes Spanisch? Kommt mein Sohn mit seinem Mini-Wortschatz klar? Findet er Freunde? Und wie läuft das mit dem Fußball, der für ihn alles ist?

Zu sehen ist der Sohn im Schulgebäude mit anderen Jungs
Fußball im Team Colegio, Foto: privat

Doppelt ≠ Zweimal

Überraschung Nr. 1: Mit Kind ist nicht alles doppelt so kompliziert. Vieles organisiert man schlicht für zwei statt für einen, etwa Pässe, Impfungen, Flüge, Versicherungen und Visa. Mit guter Checkliste: machbar. Schulbefreiung meines Sohnes? Antrag, Bestätigung der Gastschule, fertig.

Der Stolperstein hieß Finanzierung. Das DAAD-Stipendium, gerade für Studierende mit Kind eigentlich großzügig, scheiterte im ersten Anlauf an einem tückischen Upload-Feld: Falsches Dokument bei „Bestätigung der Heimathochschule“ hochgeladen, nicht korrigierbar, Antrag futsch. (Trostpflaster: Im zweiten Durchlauf klappte es zumindest für die zweite ISP-Hälfte.)

Gold wert dagegen: die Betreuung. Dr. Isolde Rehm, Dr. Robert Vrban und Prof. Dr. Jürgen Oberschmidt an der PH Heidelberg waren vorbildlich, unkompliziert und herzlich. Und am Colegio Andino standen mit Katha, Ana und Diana Menschen bereit, die uns durch Behördengänge, Schulfragen und Praktikumsorganisation lotsten.

Der Draht nach Deutschland lief derweil über WhatsApp und Videoanrufe, gerade für Lucas ein wichtiger Anker: Die vertrauten Menschen waren nicht vor Ort, aber immer nur einen Anruf entfernt.

„Ich will einfach nur schlafen!“

Die Ankunft in Bogotá: zwei Stunden Verspätung, zehn Stunden Flug, Sitzplätze ohne Gepäckfach, und dann noch eine brechend volle Halle. Mein Sohn irgendwo zwischen Aufregung und Tiefschlaf, ich nicht viel besser.

Die Einreise: problemlos. Das Uber: nicht zu bekommen. Mein Sohn brachte die Lage auf den Punkt: „Ist mir jetzt egal. Nehmen wir das gelbe Taxi, ich will einfach nur schlafen!“ Dieses gelbe Taxi wurde unser erstes echtes Bogotá-Erlebnis: rasant bis abenteuerlich, mit viel Spanisch und Hilfsbereitschaft.

Und endlich die ersten Tage: erholen, Fußball im gästehauseigenen Garten, erste Uber-Fahrten, einkaufen lernen, Stadt verstehen. Ankommen eben, jeder in seinem Tempo.

Schule hoch zwei: 7:30 Uhr, 3 Sprachen, 1 Fußballplatz

Dann begann der Ernst des Lebens, für uns beide, um 7:30 Uhr. Mein Sohn hatte Deutsch, Mathe, Musik, Sport, dazu Spanisch plus Förderkurs „Spanisch als Zweitsprache“, Fußball auf den Kleinfeldern der Primarstufe und „Erkundungsstunden“ auf einem Schulgelände, das man tatsächlich erkunden muss, so riesig ist es. Er aß in der Primarstufen-Mensa, ich in der großen, wie zwei Kollegen mit getrennten Kantinen.

Für mich kam eine Doppelbelastung dazu: Inklusions-Schulungen, die meine Abteilung fürs Kollegium vorbereitete. Ich hätte nicht überall dabei sein müssen, wollte es aber. Für meinen Sohn hieß das manchmal: länger bleiben und Papas Arbeit hautnah miterleben. Im Gegenzug wurde ich Teil seiner Welt, als Fußballtrainer in seinem Team. Praktikant, Vater, Co-Trainer, die Rollen vermischten sich, und genau das hat uns zusammengeschweißt.

Mein ISP sah anders aus als das der anderen: weniger Feiern mit Lehrkräften und Praktikanten, mehr Playdates, Bolzplätze und Spielplätze in den Barrios. Dadurch lernte ich Bogotá aus der Vater-Perspektive kennen, und die feste Struktur aus Schulzeiten, Nachmittagsaktivitäten und Familienkontakten war keine Einschränkung, sondern Halt. Mein Fazit schon damals: Ein Auslands-ISP mit Kind ist anders, nicht weniger intensiv.

Zu sehen ist ein Fußballplatz mit spielenden Kindern
Beim Fußballspielen in Verbenal, Foto: privat

Ein Junge findet seinen Platz

Lucas schloss seine Klasse schnell ins Herz, fand Freunde und wuchs an der Dreisprachigkeit der Schule. Der Schlüssel zu allem: Fußball. In Kolumbien öffnet ein Ball mehr Türen als jedes Wörterbuch. Auf dem Bolzplatz dauerte es nie lange, bis andere Kinder dazukamen, und aus „Woher kommt ihr?“ wurden Verabredungen.

Mein Gänsehautmoment: der Weihnachtsauftritt seiner Klasse vor großem Publikum. Motto: „Wir wünschen allen Kindern der Erde: Feliz Navidad!“ Schule, Sprache, Musik, Gemeinschaft, Kolumbien, und mein Sohn mittendrin.

Zu sehen sind viele Kinder beim Abschlussbild auf der Bühne
Toll integriert beim weihnachtlichen Auftritt in der Schule, Foto: privat

Inklusion: neu gedacht, neu gemacht

Fachlich war mein ISP ein Glücksfall: Ich arbeitete dort im Team Inklusion in einem Umfeld, in dem sonderpädagogische Strukturen nicht fertig aus dem Regal kamen, sondern entwickelt werden mussten. In Workshops fürs Kollegium wurde der Unterschied zwischen Integration und Inklusion konkret erfahrbar, und ich durfte mitgestalten statt nur zuzuschauen.

Mit meinem Mentor Julian und Kollegin Constanze arbeitete ich auf Augenhöhe: Schülerbeobachtungen, Einzelförderung, Kleingruppen, Hospitationen. Mancher hielt mich gar für eine fest angestellte Lehrkraft.

Die prägendste Erfahrung: eine Schülerin, die ich eigentlich in Mathematik fördern sollte. Aber: Das Problem war nicht die Mathematik, es war die Sprache. Also stellte ich die Förderung um: Mathevokabeln lernen, farblich Markieren, haptisches und spielerisches Lernen. Eventuell eine Sprachentwicklungsstörung bekam ich gegen Ende noch mit. Die Diagnostik erfuhr ich nicht mehr, die Lektion aber schon: Manchmal liegt ein Matheproblem vielleicht im Sprachzugang.

Und dann war da noch der Musikunterricht bei Fabiola und Leonardo, ein Begegnungsfeld deutscher und kolumbianischer Kultur und eines der Highlights meiner Praktikumszeit.

Zu sehen ist Julian mit Kolleg:innen in der Mensa
Team Inklusion, Foto: privat

Drei Geschichten und die ganze Wahrheit

Die Behörde: Unsere 90-Tage-Visa mussten verlängert werden. Online: Fehlanzeige. Anrufe: Fehlanzeige. Vor Ort bei der Migración: Bingo. Der Mann am Ende der Schlange wählte die richtige Nummer und sagte: „Komm in einer halben Stunde wieder.“ Typisch Bogotá: Erst wirkt alles undurchsichtig, dann löst es ein Mensch mit Herz.

Die Musikstunde: Ich führte in einer achten Klasse ein Projekt zu „Todo de ti“ weiter, ohne den spanischen Liedtext vorher genau anzusehen. Das war, sagen wir, ein lehrreicher Fehler. Wer neugierig ist, möge sich die Lyrics selbst übersetzen lassen. Meine Lektion: Fremdsprachige Songs im Unterricht? Text vorher prüfen. Immer.

Der Berg: der Monserrate, per Seilbahn hoch über Bogotá. Andenluft, Kirche, Verkaufsstraße und ein Sonnenuntergang über dieser endlosen Stadt, bei dem man kurz innehält und merkt, wie weit weg Deutschland gerade ist.

Kalte Nächte, ein Hund und der Abschied

Ganz ehrlich: Es war nicht alles Feliz Navidad. Unser späteres Airbnb lag traumhaft in einem Naturschutzgebiet oberhalb der Stadt, nachts allerdings ohne Heizung eisig kalt. Rückblickend würde ich außerdem öfter einfach fragen: „Was würdet ihr an meiner Stelle tun?“ Ich fühlte mich manchmal so verantwortlich für alles, dass ich vergaß, um Rat zu bitten. Dabei gilt: Ein Auslands-ISP mit Kind muss man nicht allein durchorganisieren. Bei der Frage, welche Barrios sicher sind, half mir mein musikalischer Mentor Leo mit einem Satz, der hängen blieb: „Wenn du vernünftig und bescheiden auftrittst, kannst du ganz Bogotá besuchen.“ Das ist kein Freifahrtschein, aber eine Einladung, die Stadt nicht nur durch Angst zu sehen.

Am schwersten war der Abschied: von neuen Freunden, liebgewonnenen Orten und von Ramón, dem Vierbeiner unseres Airbnbs, der unser täglicher Begleiter wurde. Ramón, wir besuchen dich irgendwann wieder!

Was bleibt?

Als Vater: die Erfahrung, meinem Sohn mehr zuzutrauen und ihn dabei trotzdem schützend zu begleiten. Loslassen und da sein.

Für meinen Sohn: neues Selbstbewusstsein, neue Freunde, eine neue Sprache und ein Land, das Teil seiner gefühlten Identität geworden ist. Er erzählt bis heute davon.

Trau dich!

Würde ich dieses Auslands-ISP wieder machen? Ja. Jedes Mal.

Ich empfehle es allen, die kulturelle Vielfalt nicht aus sicherer Distanz betrachten, sondern im Alltag erleben möchten. Und ganz besonders auch Studierenden mit Kind.

Was man braucht? Neugier, Offenheit, die Bereitschaft, Altes beiseitezulegen, und den Mut, um Hilfe zu bitten. Ein ISP mit Kind im Ausland ist nicht automatisch schwerer als im Inland. Es ist anders!

Mein ehrlicher Satz zum Schluss, an alle, die diesen Erfahrungsbericht bis zum Ende gelesen haben – und eine Erinnerung an mich selbst: „Warte nicht, bis alle Zweifel verschwunden sind. Bereite dich gut vor, nimm Hilfe an und trau deinem Kind und dir selbst mehr zu, als du am Anfang für möglich hältst.“

Autor: Julian Königsmann studiert im 10. Semester Sonderpädagogik mit den Förderschwerpunkten Lernen und Sprache sowie Musik als Hauptfach. Er hat vorher in verschiedenen IT-Bereichen sowie als selbstständiger IT-Systembetreuer für Firmen und Anwaltskanzleien in Heidelberg gearbeitet. Julian ist alleinerziehender Vater; sein Sohn Lucas besucht die dritte Klasse der Internationalen Gesamtschule Heidelberg (IGH). Zudem spielt Lucas seit 4 Jahren bei der TSG Rohrbach – und hat seit dem Auslandsaufenthalt für immer einen Platz im „Team Andino“.

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