Mit dem Stück „Verbrennungen“ des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad bringt die Theatergruppe der Pädagogischen Hochschule Heidelberg ein Werk auf die Bühne der Festhalle der Hochschule, das Familiengeschichte, Kriegserfahrungen und die Suche nach der eigenen Herkunft miteinander verbindet. Im Mittelpunkt stehen die Zwillinge Jeanne und Simon, die nach dem Tod ihrer Mutter Nawal einen ungewöhnlichen Auftrag erhalten: Sie sollen ihren Vater und einen ihnen unbekannten Bruder finden. Was zunächst wie die Aufklärung eines Familiengeheimnisses wirkt, entwickelt sich zu einer Reise in die Vergangenheit ihrer Mutter und in die Geschichte des Libanon während des Bürgerkriegs. Dabei scheut das Stück nicht vor schwierigen Themen wie Krieg, Folter, Kindersoldaten und sexualisierter Gewalt zurück.
Gleichzeitig richtet es den Blick auf die Folgen solcher Erfahrungen: Wie wirken sich Gewalt und Traumata auf das Leben der Betroffenen aus? Und wie werden sie an nachfolgende Generationen weitergegeben? Ein zentrales Motiv von „Verbrennungen“ ist die Frage, ob sich dieser Kreislauf aus Leid und Gewalt durchbrechen lässt – ob es möglich ist, den „roten Faden“ der Vergangenheit zu durchschneiden.


Mitten in der Geschichte
Schon vor Beginn der Aufführung bekam ich beim Blick in das Programmheft einen Eindruck davon, wie intensiv sich das Ensemble mit dem Stück auseinandergesetzt hat. Die Gruppe hatte sich nicht nur mit dem Text, sondern auch mit der Geschichte, Kultur und den gesellschaftlichen Hintergründen des Libanon beschäftigt. Während der Aufführung merkte ich, dass sich diese Vorbereitung ausgezahlt hat: Die Theatergruppe brachte eine unglaublich dichte und authentische Inszenierung auf die Bühne und schaffte es, mich tief in die Geschichte hineinzuziehen.
Dazu trug auch das Inszenierungskonzept bei. Das Publikum saß in kleinen Gruppen verteilt im Raum, während die Schauspieler:innen den gesamten Saal als Bühne nutzten. Dadurch war ich immer sehr nah am Geschehen. Szenen spielten sich direkt vor mir ab, die Figuren bewegten sich um mich herum, und ich fühlte mich stark in die Handlung eingebunden. Einen großen Anteil daran hatten natürlich auch die Schauspieler:innen. Trotz einer reduzierten Kulisse und wenigen Requisiten gelang es ihnen, die komplexen, parallelen Handlungsstränge über verschiedene Epochen und geografische Orte hinweg eindrücklich und immersiv darzustellen. Trotz dieser Vielschichtigkeit wusste ich jederzeit genau, wo, wann und wer gerade spielte, und war voll in der Geschichte angekommen.


Noch lange im Kopf
Als ich den Theaterraum verließ, schwirrte mir noch vieles durch den Kopf. Erst auf dem Nachhauseweg begann ich, die Familiengeschichte nach und nach vollständig zu entschlüsseln, die vielen Zusammenhänge zu verstehen und die Wendungen des Stücks einzuordnen. Die Geschichte von Nawal hat mich tief bewegt. Ich setzte Stück für Stück den Familienstammbaum zusammen, war geschockt von allem, was sie erleben musste, und versuchte gleichzeitig, die Tragweite der „Plot-Twists“ zu begreifen.
Auch in den Tagen nach der Aufführung dachte ich immer wieder an Nawal und ihre Geschichte zurück, sprach mit Freund:innen darüber, die das Stück ebenfalls besucht hatten, und empfahl es denen weiter, die es noch nicht gesehen hatten. „Verbrennungen“ erzählt von Ereignissen, die für viele von uns räumlich und zeitlich weit entfernt scheinen. Und doch geht einem dieses Stück erstaunlich nah. Es stellt Fragen, die Menschen überall auf der Welt betreffen: Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um? Was geben wir an die nächste Generation weiter? Und wie können wir verhindern, dass sich Leid immer wiederholt?
Gerade deshalb ist dieses Stück nicht nur beeindruckendes Theater, sondern auch ein wichtiger Denkanstoß. Eine klare Empfehlung für alle, die bereit sind, sich auf einen ebenso bewegenden wie herausfordernden Theaterabend einzulassen.
Für Kurzentschlossene: Es finden am 16. und 17. Juni noch jeweils zwei Aufführungen statt, um 17 und um 20 Uhr in der Festhalle. Es sind noch Karten zu haben.
Zum Autor: Campusreporter Moritz studiert Lehramt Sekundarstufe II.
Fotos: Theatergruppe PHHD


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